Abitursfeier 2006Abitursfeier 2006

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DEO- Termine

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Deutsche Evangelische Oberschule Kairo

Im Schuljahr 2005/2006 legten 59 Schülerinnen und Schüler die Abiturprüfung an der DEO ab. Alle 59 bestanden, 14 von ihnen mit einem Durchschnitt besser als 2,0. Zwei Schüler erreichten den Schnitt 1,1.

Abiturrede des Schulleiters



Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Ihre Wege trennen sich von mir und von den Lehrkräften, sie lösen sich mit dem heutigen Tag von der DEO Kairo. Bereits morgen nehmen Sie Ihre Zukunft in die eigene Hand, und das ist auch gut so. Es gehört seit Jahrhunderten zur Tradition von Abiturfeiern, dass der Schulleiter den jungen Frauen und Männern seiner Absolvia eine dem gymnasialen Niveau entsprechende Lebensweisheit mit auf den Weg in die außerhalb des Elfenbeinturmes Schule existierende Welt gibt.

 

Nun, meine verehrten Damen und Herren der ehemaligen 12. Klassen: Die erste wichtige Aussage für Sie ist, dass Sie in meinen Augen einzigartig sind. Auch wenn Ihnen das wahrscheinlich sowieso schon immer klar war, möchte ich meine Einschätzung hier doch kurz begründen. Machen Sie sich bewusst, dass Sie weltweit kein beliebiger und austauschbarer Abiturjahrgang sind. Denn Sie allein schließen im Jahr 2006 eine schulische Ausbildung ab, die Sie in der traditionsreichen DEO Kairo durchlaufen haben, einer Schule, die auf ein mehr als hundertjähriges Wirken im interkulturellen und interreligiösen Raum der Metropole Kairo und des Landes Ägypten hinweisen kann, einer Schule, die aufgrund ihrer erfolgreichen Absolventen eine nicht unwesentliche Rolle im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Leben Ägyptens spielt und weiterhin spielen wird, einer Schule, die als Begegnungsschule den konstruktiven Dialog zwischen orientalisch-ägyptischer und europäisch-deutscher Kultur ins Zentrum ihrer Bildungs- und Erziehungsaufgaben gestellt hat, und einer Schule, die Sie durch eine fundierte Ausbildung und Erziehung befähigt hat, in eine Führungsposition zu gehen, um dann praktische Verantwortung bei der Lösung gesellschaftlicher und politischer Probleme im Nahen Osten oder auch weltweit zu übernehmen.

 

Ich hoffe, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Sie haben bewusst registriert, dass ich Sie in ihren späteren Berufen oder Funktionen als Führungselite definiere, sei es in Deutschland, in Ägypten oder sonst einem Staat der Welt, in dem Sie leben oder arbeiten werden. Und ich bitte Sie alle eindringlich um Folgendes: Betrachten Sie den Besuch der Begegnungsschule DEO nicht als abgeschlossene, unverbindliche Durchgangsstation Ihres Lebenslaufes (gleichsam „Just for fun and qualitiy“), sondern nehmen Sie daraus die Verantwortung und Verpflichtung mit hinaus in Ihre zukünftige Welt, sich immer und überall für den friedlichen Dialog aller Kulturen und Religionen der Welt zu engagieren. Das mag nicht immer einfach sein, aber wer könnte das aufgrund der eigenen bikulturellen Erziehung und Erfahrung besser realisieren als Sie selbst. Die Bewältigung dieser Aufgabe ist meiner Meinung nach allerdings nicht nur eine Frage der rationalen Ausbildung von Verstand und Vernunft, sondern auch eine Frage Ihres inneren Fühlens und Wollens. Ich hoffe, dass die DEO auch unter diesem Aspekt bei Ihnen eine außergewöhnliche Basis angelegt hat, und ich bin überzeugt, dass Sie diese als Multiplikatoren zur Gestaltung unserer und Ihrer gemeinsamen Zukunft nutzen werden. Erst in der Erfüllung dieser langfristigen Perspektive in Ihrer beruflichen Laufbahn oder in Ihrem privaten Leben hätte die DEO Kairo auch die Aufgabe als Begegnungsschule mit Erfolg abgeschlossen. Der Begriff einer vorbildlichen „Begegnung“ sollte also nicht – wie oft in sehr verengter und populistischer Sicht beurteilt – oberflächlich auf

singulärbegrenzte Situationen der Schulzeit angewendet werden, sondern insbesondere auf nachhaltige und in die Gegenwart hineinwirkende Veränderungen des Bewusstseins und Fühlens der DEO-Absolventen und der von ihnen bestimmten sozialen Umwelt. Der in der Zukunft weitergeführte konstruktiv-kritische Dialog zwischen Kulturen und Religionen muss, wenn er Erfolg bringen soll, das Engagement von „Herz und Verstand“ miteinander verbinden. Leben Sie dieses Modell aktiv vor.

 

Speziell im Streit über die Mohammed-Karikaturen wurde in den Medien des christlichen und des islamischen Raumes in letzter Zeit der Begriff des „Kampfes der Kulturen und der Religionen“ unreflektiert und polemisch benutzt. Auch in der aktuellen kulturpolitischen Diskussion der Bundesrepublik Deutschland taucht der etwas seltsam anmutende Begriff „Wettbewerb der Kulturen“ auf. Welcher Kampf und welcher Wettbewerb wird durch solche Schlagwörter konkret angesprochen? Worum und in welcher Art sollte denn gekämpft werden? Sollte die Kultur, die sich kämpfend oder wettbewerbend durchsetzt, dadurch den Beweis liefern, dass sie qualitativ die bessere ist? Ich entziehe mich diesen scheinbar hohen Ebenen medialer und politischer Verzerrungen, aber ich möchte als Leiter einer Begegnungsschule und als ausgebildeter Historiker doch mahnend und relativierend darauf hinweisen, dass mit diesen pauschalen und plakativen Begriffen geschichtliche und aktuelle Realität nur sehr unzureichend, wenn nicht sogar verfälschend erfasst werden.

 

Insofern erscheint eine Klarstellung notwendig: Im Laufe der Weltgeschichte haben sich niemals per se Kulturen und Religionen bekämpft. Kulturen und Religionen haben sich jedoch immer und an jedem Ort der Welt dazu instrumentalisieren lassen, Konflikte und Kämpfe zu unterstützen, die der Sicherung politischer und wirtschaftlicher Macht oder pauschal definierter nationaler Interessen dienten. Diese wurden aber nicht von den betroffenen Menschen und Völkern selbst bestimmt. Das mag unter lokalen, regionalen oder globalen Aspekten nachvollziehbar erscheinen, positiv zu rechtfertigen ist es aus Sicht der individuellen Opfer nicht.

 

Was bedeutet das Gesagte für Sie, liebe Absolventen der DEO Kairo? Ich fasse die Antwort in einige Imperative, in persönliche Richtlinien, wobei ich durch das Schlüsselwort „Imperativ“ auf den größten Philosophen der deutschen Aufklärung des 18. Jahrhunderts verweise, nämlich auf Immanuel Kant: Bleiben Sie stets Ihren kulturellen Wurzeln verbunden; sie gehören zu Ihrer Individualität und zu Ihrer Identität. Bleiben Sie aufgrund ihrer Ausbildung an der DEO

kritischoffen für das, was Ihnen die globale Welt über die eigene Kultur hinausgehend als positive Möglichkeiten bietet. Definieren Sie sich als mündiger, selbstbestimmter Staatsbürger, lassen Sie sich also nie zum Werkzeug fremder Interessen machen. Leben Sie, egal ob Frau oder Mann, als gebildete und autonome Persönlichkeit in dem Bewusstsein, dass Normen und Forderungen der Gesellschaft und des Staates nicht Vorgabe abstrakter oder personaler Autorität, sondern Ergebnis Ihres eigenen Denkens und Handelns sein müssen. Sie als Individuum sind nämlich im Besitz der Menschenwürde und der durch sie begründeten Menschenrechte, zu deren Realisierung Freiheit und Selbstbestimmung garantiert werden müssen. Nehmen Sie sich diese Freiheit, nutzen Sie diese Freiheit, um den sinnlosen Wettbewerb und den sinnlosen Kampf der Kulturen zu verhindern. Nutzen Sie diese Freiheit, um jede Art von persönlicher Instrumentalisierung zu verhindern, ermöglichen Sie damit das friedliche Zusammenleben von Menschen, egal welcher Herkunft, Rasse oder Religion.

 

In diesem Selbstverständnis und in dieser Verpflichtung wünsche ich Ihnen die Kraft, Ihre Zukunft erfolgreich zu gestalten. Und sollten Sie irgendwann Rat und Hilfe brauchen, sollten Sie jemals Heimweh nach der DEO haben, dann kommen Sie als Ehemalige oder Ehemaliger zu uns zurück. Wir werden, soweit es in unseren Möglichkeiten steht, Ihnen in guten wie in schlechten Zeiten beistehen. Schön, dass Sie bei uns gewesen sind - Vielen Dank.


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