Rede zur Entlassungsfeier des Abiturjahrgangs 2008Rede zur Entlassungsfeier des Abiturjahrgangs 2008

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Deutsche Evangelische Oberschule Kairo

Rede zur Entlassungsfeier des Abiturjahrgangs 2008



Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, sehr geehrte Anwesende,

 

es ist vollbracht, ihr habt das Abitur an der Deutschen Evangelischen Oberschule bestanden. Eine

große Last ist von allen abgefallen, der Blick in die Zukunft ist hoffnungsvoll und eigentlich freut man

sich auf so manche Party und natürlich die Ferien. Doch bevor ihr die Zeugnisse bekommt und der

DEO Lebwohl sagt, dürfen noch einige nette Menschen ihren Gedanken freien Lauf lassen. Zum

Beispiel ich.

Doch wie fängt man so eine Rede an? Das Unterfangen ist nicht leicht, zumal es verschiedene Arten

von Abiturreden gibt. Ich habe drei Hauptmodelle ausgemacht, die mit unregelmäßiger

Regelmäßigkeit immer wieder Anklang finden.

1. Die Lobrede. Sie beginnt nicht selten mit der Nennung und Begrüßung aller Gäste, meist der

Wichtigkeit nach geordnet.

Dann geht es los: Alle im Saale Anwesenden werden gelobt, haben sich über die Maßen angestrengt,

sind die wahren Gewinner, denen man eigentlich gar nichts mehr sagen, nur noch gratulieren kann.

Die Eltern werden beglückwünscht, die Lehrerschaft wird bejubelt und die Schülerinnen und Schüler

schweben vor lauter Stolz 10 cm über ihren Sitzen.

 

Dann gibt es -2.- die provozierende Abirede

Mit schweißnassen Händen und starrem Blick geradeaus, versucht die Rednerin/der Redner den

Rückblick auf die letzten Jahre mehr oder weniger offen zu kritisieren. Dabei hilft das verteidigende

Personalpronomen ‚wir’ oder auch ‚uns’ und als Anklage ‚Sie’ und ‚ihr’. Der Kiosk hätte besser sein

können, die Lehrer hätten großzügiger benoten und die Toiletten sauberer sein müssen. Eigentlich war

vieles schlecht, manches auch schlechter und man ist froh, dass man die Schule nur mit leichten

Blessuren überlebt hat. Eigenartigerweise sind meistens diese Kritiker später die größten Verfechter

der Schulideale im Ehemaligenverein oder begrüßen in monatlichen Abständen die Lehrerinnen und

Lehrer auf der Terrasse mit leuchtenden Augen….

 

Die interessanteste Rede nenne ich gerne -3.- die Ich-weiß-Bescheid-Rede oder die omnipotente Rede:

Von allem etwas für alle. Von Kritik bis Lob, von Einsicht in die Notwendigkeit bis Aussicht für das

Leben. Es werden viele und verdiente Namen von Schülerinnen und Schülern bzw. von Lehrerinnen

und Lehrern genannt, auch den Eltern eine anstrengende Zeit bescheinigt und so manche heimliche

Zigarette oder die Schulschwänzerei der letzten Tage mit einem Lächeln verziehen. So

sinngemäß will man sagen: Ich bin Realist, ich weiß Bescheid.

Diese Reden sind nicht nur recht lang, sondern auch mit Fachvokabular einzelner Fächer gewürzt, da

man davon ausgeht, dass die Schüler wissen, worum es geht: Oxymoron, Dreikaiserabkommen,

Atonalität, Bill of Rights, Kurvendiskussion, ………….. Versehen mit ein paar lateinischen oder

altgriechischen Weisheiten klingt es meist schon sehr intellektuell. Prima!

 

Gemeinsam haben allerdings alle Abireden, dass sie eine Botschaft für die Schülerinnen und Schüler

enthalten. Und das ist eigentlich der Kern, das Wesentliche. Es ist sehr wichtig und macht alle Reden

wieder interessant und nachdenkenswert.

Und so will ich es auch halten:

1. Loben:

Ich lobe euch, die Schülerinnen und Schüler, für eure erbrachte Leistung im Abitur.

Ich lobe besonders Sie, liebe Eltern, für Ihre umfassende Unterstützung, Ihren Trost und Ihre Fürsorge.

Ich lobe Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, für Ihr nicht alltägliches Durchhaltevermögen bei bis zu

12 Abiturprüfungen an einem Tag …und das so kurz vor der Fahrt nach Istanbul und den Kulturtagen.

Und ich lobe dich, lieber Ralph Nolte, da du mit väterlichem Wohlwollen, aber auch mit Rat und Tat

den Abiturientinnen und Abiturienten während der ganzen Prüfungszeit immer und sehr engagiert zur

Seite standest.

2. Kritik

Die zeitliche Form des Abiturs, vor allem des mündlichen Abiturs war für alle Beteiligten über die

Maßen anstrengend und eher fragwürdig.

Was die Schülerschaft betrifft, so wünschte ich mir mehr teamfähige Zielstrebigkeit und nicht so viel

 

Notengeschacher und unkritischen Individualismus. Allein die Diskussionen über den Ort unserer

Abifahrt ließ nicht nur viele reguläre Unterrichtsstunden scheitern. Im Ergebnis wollten dann ca. 60

Schülerinnen und Schüler an 65 Orte - weltweit. Dieses ‚sinnfreie’ Diskutieren hielt auf und führte oft

zu Missverständnissen, auch wenn die Sonnenunter- und aufgänge am Goldenen Horn in Istanbul

letztendlich versöhnlich stimmten. Übrigens und ganz besonders: Danke Rene Wimmer!

3. der ‚Ich-weiß-Bescheid-Teil’

Liebe Eltern, liebe Anwesende, es wäre bestimmt sehr spannend, wenn ich jetzt die Liste mit den

Namen derjenigen Schülerinnen und Schüler vorläse, die in den letzten zwei Jahren die meisten

Klassenbucheinträge bekamen oder heimlich beim Rauchen ertappt wurden. Sind Sie schon

gespannt?? Ich auch! Da wäre zum Ersten der …

…na ja, ich weiß ja Bescheid, ihr wahrscheinlich auch. Wir haben unser Bestes getan. Kleinere

Fehler können passieren, bei den Schülerinnen und Schülern, bei der Lehrerschaft. Aber deshalb sind

wir Menschen, meist lernen wir daraus. Und so weiß ich auch Bescheid, dass DEO-Absolventen

immer etwas Besonders waren und sind, jeder einzelne für sich mit seinen Schwächen und Stärken.

Mir jedenfalls war es meistens eine Ehre euch unterrichten zu dürfen.

 

Ja, und dann noch das Zitat, der intellektuellen Anpassung wegen: Per aspera ad astra.

(Durch die rauen Anfänge zu den Sternen.) Der raue Anfang ist gemacht …die Sterne, sie warten auf

euch.

 

Zum Schluss nun meine Botschaft/mein Wunsch an euch:

Die Welt ist in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem Schauplatz von Krieg, Hass, Intoleranz,

religiösem Fanatismus, aber auch von Gier und Egoismus in einer technisierten unpersönlichen

Umgebung geworden. Dazu kommen noch die natürlichen Katastrophen wie jetzt in Burma und

China.

 

 

Mit mehr Akzeptanz und Toleranz, Verständnis und intelligentem Miteinander könnten - und davon

bin ich überzeugt – alle Menschen wesentlich sicherer und besser leben. Leider sind aber viele unserer

Mitmenschen dazu nicht bereit. Ich hoffe, ihr seid es. Ihr müsstet es sein, wenn ich unsere DEO-Ideale

sehe. Der Weg dorthin war und ist nicht einfach. Man kann euch nur wünschen, dass ihr hier in der

Deutschen Evangelischen Oberschule Kairo so viel an Wissen, Erfahrung und Toleranz angehäuft

habt, damit umgehen könnt und mutig voran geht. Und so kann meine Devise an euch zum Schluss

nur lauten: Nutzt dieses Wissen, diese Erfahrung und diese Toleranz und macht die Welt ein

Stückchen besser, für uns und für alle anderen!

Vielen Dank und viel Erfolg!

 

 

Peter Malz

 

stellvertretend für die Klassenlehrer der - fast schon -ehemaligen 12. Klassen

 

Kairo, 25. Mai 2008

 


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