Psychiatrische Klinik Abbasseya
Daten
Die Klinik ist eine staatliche Institution, in der ca. 2000 psychisch kranke oder drogenabhängige Frauen und Männer untergebracht sind. Das Gelände, ehemalige Marställe des Königs Farouk, ist baulich kaum verändert worden, und nimmt Bett an Bett die Patienten auf.
Die Verhältnisse sind unzumutbar: z.B. für 50 Personen 2 Toiletten ohne Türen, eine Dusche (Kaltwasser), zwei Wasserhähne; es gibt keine Schränke, um Privates aufzubewahren; unzureichende Ernährung, keine ausgebildeten Krankenpfleger, keine Therapie, außer Medikamenten, oft in überdosis, um die Patienten still zu halten. Da die Ärzte von Staat verpflichtet werden, fehlt ihnen das Interesse, am System der Klinik etwas zu verändern. Unser einziger Kontakt ist eine engagierte Ärztin, die persönlich dafür sorgt, daß unsere Extralieferungen ihre Patienten erreichen. Im Laufe der Jahre sorgten wir für den Einbau von Duschen, Warmwasserboilern, Waschbecken, Schränken und Kochgelegenheiten wie regelmäßigen Zuwendungen von Tee, Zucker, Kleidung und Wolldeckun für die 38 Frauen dieser Abteilung. In anderen Abteilungen fehlt uns der Kontakt zu den Ärzten, da sie selten anwesend sind. Darum ist nicht gewährleistet, daß unsere Zuwendung die Kranken erreicht, da auch das Anstaltspersonal selber dieser Dinge bedarf. Aus diesem Grund gibt es die Brotaktion, bei der wir direkt in die Hand verteilen.
Persönliche Berichte: Brotaktion
Brotaktion an der DEO heißt :
Schüler des Sozialkomitees informieren Eltern, Lehrer und Mitschüler über ihr Vorhaben, damit diese wieder eine Tüte (früher : 2 große Käsebrote / jetzt : 2 Packungen Kekse , 2 Chips und 1 Saft) in die Schule mitbringen.
Am Aktionstag werden die Brottüten von einer 25 Schüler starken Gruppe (aus unterschiedlichen Jahrgängen) in der ersten Unterrichtsstunde in den Klassen und im Kindergarten säckeweise eingesammelt, was sich inzwischen schon bestens eingespielt und mittlerweile auf rund 2000 Tüten eingependelt hat.
Ein Schulbus fährt die Schülergruppe, die sich aus "alten Hasen" und "Neuen" zusammensetzt, sowie einigen Lehrern und Eltern nach Abbasseya in die psychiatrische Klinik, wo diese schon erwartet werden. (Voranmedlung)
Ein Sozialarbeiter und/oder Arzt begleitet die Aktion auf dem Gelände. In Kleingruppen verteilen die Schüler die Tüten in den einzelnen Häusern der Männer-,Frauen- und Kinderabteilung, was etwas appellmäßig abläuft:
Antreten der Patienten in einer Reihe, Brottüte entgegennehmen, abtreten. (Der Sinn, der dahintersteckt, wird dann erkennbar, wenn die Reihe nicht funktioniert und aus ihr ein quirliges Menschenknäuel wird.)
2000 Patienten, 2000 Brote, 50 Schülerhände. Da vergeht die Zeit schnell, bleibt wenig Raum für Gespräche, denn der Schulbus muß um 13 Uhr wieder rechtzeitig an der DEO sein.
Eindrücke am Rande
Aus der Menge der Frauen l?st sich plötzlich ein junges Mädchen, zupft eine Begleiterin am Ärmel und fragt sie : "Kennst du mich noch? Ich bin Doro." Nach kurzem überlegen sagt die "Ja, richtig, du warst doch früher in der Kinderabteilung."
Plötzlich höre ich hinter mir rufen. Ich drehe mich um. Eine junge Frau kommt aufgeregt angelaufen. "Ihr habt uns vergessen. Unser Haus hat keine Brote bekommen. Ich bin Soraya." Ist das wahr oder eine Finte, schießt es mir durch den Kopf. Blitzartig entscheide ich mich, mit ihr zu ihrer Gruppe zurückzugehen und mich selbt davon zu überzeugen. Wir laufen Hand in Hand zurück. Soraya lacht und zieht mich in das Haus zur Krankenschwester, die dort in einem Saal Frauen beim Waschen und Ankleiden hilft. Ich bin etwas beschämt, so in ihre Intimsphäre eingedrungen zu sein. Doch es ist so, wie Soraya gesagt hat. Wir haben dieses Haus tatsächlich vergessen. Nun laufen wir wieder gemeinsam zurück zum Bus und bringen das Brot in Sorayas Haus.
Er fällt mir schon in der Schlange auf. Als er an der Reihe ist, fragt er mich: "Ist das ein Geschenk oder eine Spende?" Ohne viel nachzudenken, antworte ich ihm: "Eine Spende." "Dann will ich das nicht," sagt er und reicht mir das Brot zurück. "Eigentlich ist es ein Geschenk von uns Schülern," versuche ich zu erklären und bin froh, daß er das Brot dann doch annimmt.
An verschiedenen Stellen der Anlage wird gebaut oder repariert. Die Arbeiter freuen sich über die Brottüten, die wir ihnen geben, genauso wie die Patienten. In der Abteilung hoffen sie darauf, daß sie zu ihren drei türlosen und ständig verstopften Toiletten bald zusätzliche, verschließbare installiert bekommen, denn sie sind dort mehr als 30 Personen. Ich ekle mich dort etwas, weil der Geruch so stechend und beißend ist.
Ich kann es ihr nicht abschlagen. Sie will mir unbedingt beim Tragen des 25 Einzeltüten schweren Plastiksackes helfen. Ich gebe nach. Doch der Weg zum nächsten Trakt ist weit, und das Tragen ihr wohl ungewohnt, denn ich merke, wie sie anfängt zu keuchen. Mit etwas Überredungskunst stellt sie den Sack dann auch wieder ab und läuft zurück zu ihrem Haus, nicht ohne sich selbst nicht schnell ihren verdienten Lohn aus der gertragenen Last herauszunehemen.











